In der Disposition der E.F.Walcker Orgel Opus 99, die heute in der kath. Pfarrkirche St. Maria in Göppingen steht fehlt nach der Rekonstruktion / Restaurierung von 1995 nur noch das Register Bassethorn 8'. Die Rekonstruktion wurde seinerzeit aus finanziellen Gründen zurückgestellt. Zwischenzeitlich konnte nun der Auftrag zur Vervollständigung der 26 -registrigen Disposition an unsere Firma erteilt werden.
Ein Hinweis auf die Bauform diese Registers mit durchschlagenden Zungen ergibt sich durch die heute noch vorhandenen Mitnehmerklötzchen auf den Abstrakten zum zweiten Manual der Orgel. Diese sind oberhalb des Wellenbrettes angebracht und somit auf der weiten Teilung der Windladen. Also war das Register nicht, wie bei einer Physharmonika üblich, auf Manualteilung gebaut , sondern erstreckte sich über die gesamte Breite der Orgel.
Ein noch erhaltenes Beispiel für diese Bauweise findet man bei der ehemaligen Walcker-Orgel (Opus 24) von Schwäbisch Hall, St. Michaelskirche. Dort handelt es sich um ein Pedalregister: Serpent 16'. Das Register wurde ca. 1950 zusammen mit zwei Physharmonikas aus der Orgel entfernt, aber aufbewahrt. Dadurch sind alle drei Register heute noch erhalten, obwohl von der Walcker-Orgel nur noch das Gehäuse und die 5 großen, foilierten 16'-Holz-Prospektpfeifen erhalten sind.
Diese Register wurden uns freundlicherweise von der dortigen Gemeinde zur Massaufnahme und Dokumentation zur Verfügung gestellt, wofür an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt werden soll.
Bei den Gedanken zur Rekonstruktion des Bassethorns stellte sich bald die Frage nach den zeitlichen Zusammenhängen der allgemeinen Entwicklung der "durchschlagenden Zungen", da unsere Vorlage, der Serpent von Schwäbisch Hall aus dem Jahr 1837 stammt, die Göppinger Orgel aber von 1852. Dazu eine kurze Aufstellung uns wesentlich erscheinender Daten aus der für dieses Thema schon immer umfangmäßig "dürftigen" Literatur:
Daten zur Entwicklung der Orgelregister mit durchschlagenden Zungen in Beziehung zu E.F.Walcker
Quellen:
(1) Johannes Fischer: Das Orgelbauergeschlecht Walcker, Kassel 1966
(2) Ahrens / Klinke: Das Harmonium in Deutschland, Frankfurt/M. 1996
(3) H.F. Milne: The Reed Organ. Its Design and Construction, London 1930
(4) Robert F. Gellermann in: Arbeitskreis Harmonium in der GDO, Heft 1, Bochum 1999
(5) Moosmann / Schäfer: E.F. Walcker, Kleinblittersdorf 1994
(6) Archiv Richard Rensch Orgelbau GmbH, Lauffen a.N.
1781 Johann Eberhard Walcker (Vater von Eberhard Friedrich) macht sich in Cannstatt als Orgelbauer selbstständig.(1)
vor 1789 Christian Gottlieb Kratzenstein in St. Petersburg baut durchschlagende Zungen für einen sprechenden Automaten. Der Orgelbauer Kirsnik übernimmt das Prinzip und entwickelt die ersten Register mit durchschlagenden Zungen, deren Klang Abbé Vogler faszinieren.(2)
1789 Abbé Vogler lässt in Holland in eine tragbare Orgel (Orchestrion) durchschlagende Zungen einbauen.(2)
1794-1872 Lebensdaten Eberhard Friedrich Walckers
1796 läßt Abbé Vogler erstmals in Deutschland in Frankfurt a.M. durchschlagende Register in eine große Orgel einbauen. (2)
1810 Gabriel Joseph Grenrié baut die "Orgue expressiv" . (Paris) Erstes Instrument bei dem durch Windgebung die Lautstärke beeinflusst werden kann.(3)
1810/1820 Eschenbach (Rentamtmann)/Schlimbach (sein Cousin) entwickeln die Äoline, ein Orgelregister das durch eine freischwingende Zunge, die auf einen Eisenbügel geschweißt ist (ähnlich einer Maultrommel) den Ton erzeugt. Die Ansprache ist stark verzögert.(2)
1818 Aaron Peaseley (USA) erhält ein Patent für ein Harmonium.(4)
1820 E.F.Walcker macht sich in Ludwigsburg selbstständig. (1)
1821 Hermann Buschmann, Berlin erfindet die Mundharmonika und erhält ein Patent.(4)
1821 Anton Häckl patentiert in Wien die Physharmonika. (2)
1825 E.F.Walcker bewirbt sich für den Orgelneubau in der Fankfurter Paulskirche. Als Besonderheit empfiehlt er die neuen ìeinschlagenden" statt der bisher aufschlagenden Zungen, nicht nur wegen des geschmeidigeren Tones und der dauerhafteren Stimmung, sondern vor allem wegen ihrer erregenden Schwellfähigkeit im Crescendo und Decrescendo.(1)
1828 J.C. Dietz verbessert die Physharmonika durch Einzelkanzellen unter den Zungen.(2)
1832 Walcker erhält Auftrag für Schwäbisch Hall, Michaelskirche.(5)
1833 Franfurt, Paulskirche. Einweihung nach 5 1/2 jähriger Bauzeit.(1)
1834 Dispositionsaufzeichnung E.F. Walckers von der Orgel der Paulskirche Frankfurt a.M. Opus 9. Durchschlagende Zungen: Vox humana 8', Physharmonika 8', Hautbois 8', Fagott 16' (5)
1837 Schwäbisch Hall, St. Michael fertiggestellt. Anfangs 2 durchschlagende Zungen: Physharmonika 8' und Serpent 16'.(5)
1840 Alexandre Debain (Paris) patentiert das Harmonium. (3)
1840 Orgel für Salon Ludwigsburg, 1841mit Kegeln ausgerüstet. Demnach 1. Kegellade E.F. Walckers. Heute steht das Instrument in Herbsthausen.(5, 6)
1842 Orgel nach Kegel (Lettland). 1. Kegelladenogel.(1)
1870 Schwäbisch Hall, St. Michael. Man ersetzt die Physharmonika gegen eine neue, da die alte an sehr unzugänglicher Stelle aufbewahrt war. (5)
1927 Orgel Schwäbisch Hall, St. Michael. Erweiterung auf 47 Register. Die 1870 eingebaute Physharmonika wird auf 16' erweitert und wieder eingebaut.(5)
Aus dieser Aufstellung wird deutlich, dass E.F.Walcker mitten in der Entwicklungszeit dieses Registertyps hinein aktiv wurde. Die Prinzipien waren bekannt und an vielen Orten ja sogar auf mehreren Kontinenten wurde an Harmoniums, Physharmonikas und entsprechenden Orgelregistern entwickelt.
Die einzige Walcker-Orgel, die noch ein Bassethorn enthält ist die Orgel im Dom zu Riga Bj. 1884, also nach E.F. Walcker. Dort findet man das Register im Pedal, auf enger Teilung und stillgelegt. Es kommt als Vorbild für Göppingen nicht in Frage. Alle anderen Orgeln, in denen einst ein Bassethorn disponiert war sind nicht mehr existent.
Im Herbst 2000 bekamen wir dankenswerter Weise aus dem Hause Walcker die Zeichnung einer Originalmensur einer Bassethornzunge zur Verfügung gestellt. Die Zungen sind bei C vorne 19 mm breit, woraus sich schon einmal ergibt, dass die Anlage nicht auf Manualteilung gewesen sein kann. Dadurch sind wir einen wesentlichen Schritt weitergekommen. Folgende Abbildung zeigt die Mensur nach dem Originalblatt von Walcker:

Weiteren Aufschluss gibt das Opusbuch Walckers.
Dort sind z.T. neben den Dispositionen bei den durchschlagenden
Zungen kleine Freihandskizzen zu finden, die die prinzipielle Anlage
des Registers zeigen
Diese Skizze stammt aus der Disposition der Orgel Fraumünster Zürich, 1853, Opus 120. Man sieht einen Windkasten in dem auf einer "stehenden" Resonanzkehle eine Zunge montiert ist. Das Auslassventil ist oben über eine Wippe an ein Einschaltärmchen geführt, das auch ein Mitnehmerklötzchen zeigt. Neben der Skizze steht: "12. Bassethorn 8 mit schmalen Zungen wie Physharm. zum Schwellen ins Regierwerk angehängt." Es handelt sich bei dieser Anlage also nicht um ein Register, das über die gesamte Orgelbreite geht, sondern um ein schmales Arrangement, wie bei einer Physharmonika.
Die leider sehr undeutliche Skizze bei der
Disposition von Opus 159, Ludwigsburg, Stadtkirche Bj. 1858 ist
für die Anlage Göppingen sehr viel passender. Nach diesem
Vorbild wird der Rekonstruktionsversuch jetzt weiterverfolgt werden.
Auf dieser Abbildung sieht man zwei Skizzen: Die obere ist quasi das Detail. Oben liegt ein Ventil, das auch als solches beschriftet ist. Darunter sieht man einen oben teilweise zugespundeten Kanzellenrahmen. Unten dann "auf dem Kopf" die Zunge mit der Stimmkrücke nach rechts. Darunter, noch kleiner, die Übersichtsskizze. Im Prinzip ist es das dasselbe. Man sieht aber noch eine Wippe an dem Ventil und einen Schwellkasten oben aufgesetzt. Daneben steht: "6 Baßethorn 8 zum Schwellen eingerichtet".
Das nächste Bild zeigt den Serpent 16' von
Schwäbisch Hall (Cs-Seite, Länge 224cm) :
Dieses Register, entsprechend in 8'-Lage verkleinert, passt in Göppingen, wie auf nachfolgender Zeichnung zu sehen ist:

Der rundliche Ausschnitt in den Windladenlagern ist historisch.
Nach der Nach der Realisierung finden Sie an dieser Stelle Originalfotos.Realisierung finden Sie an dieser Stelle Originalfotos.
10.01.2002 Klaus-W. Rensch