Klaus
Rensch und Philipp Nessling
29.06.2002
Über die
Rekonstruktion des Bassethorns 8‘ der E.F.Walcker-Orgel Opus 99
Einleitung:
Die
Eberhard-Friedrich-Walcker Orgel
Opus 99 (Bj. 1851) stand ursprünglich in Köngen bei Stuttgart. Sie wurde
1993 der katholischen Kirchengemeinde St. Maria in Göppingen vermacht, da sie
einem neuen Instrument weichen musste. Sie wurde von der Firma Richard Rensch
1995 restauriert und klanglich auf ihren Originalzustand rekonstruiert (Bild
1).

Das mechanische Kegelladeninstrument war
1954 gravierend in neobarockem Sinn umgebaut worden. Die neugotische
Gehäusefront (Bild2)
sowie
die originale Kastenbalganlage waren durch moderne“ Bauteile ersetzt worden. 8
der 26 Register auf zwei Manualen und Pedal waren komplett verloren. Ca. 60%
der Originalpfeifen waren in teilweise stark veränderter Form noch vorhanden.
In diesem Artikel soll es aber nur um das 26. Register gehen: das Bassethorn
8‘.Der Einbau dieser Großphysharmonika“ wurde 1995 aus finanziellen Gründen
zurückgestellt. Im Jahr 2001 konnte die Rekonstruktion schließlich in Auftrag
gegeben werden und am 28. April 2002 wurde dieses einmalige Register
eingeweiht. Damit ist diese Orgel, die übrigens ohne Ventilator mit ihren vier
rekonstruierten Kastenbälgen Wind erzeugt (Bild3), wieder ganz und gibt ein
eindrucksvolles Zeugnis der romantischen Orgelbaukunst ihres Erbauers E.F.
Walcker.

Recherchen:
Die
einzigen Anhaltspunkte für Aussehen und Form des Registers Bassethorn 8‘, die
wir vorfanden, waren Mitnehmerklötzchen (Bild4
), die auf die Abstrakten unter den
Windladen des zweiten Manuals geleimt waren, sowie eine Öffnung im Windkanal,
an der noch Spuren des Windschiebers zu sehen waren (Bild5)
.
Außerdem gab es ein Achsloch einer mechanischen Registereinschaltung mit der
Aufschrift entfällt“, die von dem Umbau 1954 stammte. Damals wurde das seit
1891 (!) stillgelegte Register aus der Orgel entfernt. Bis dahin waren laut
Aktenlage häufig gebrochene Zungen zu ersetzen, was die Erbauerfirma auf zu
weiches Zungenmaterial, das 1851 verwendet worden sei, zurückführte. Es war
also klar, dass das Register über die gesamte Windladenbreite gebaut war und
nicht – wie noch häufiger erhalten – nur auf Manualteilung. Eine
Überprüfung der Instrumente Walckers, in denen auch ein Bassethorn disponiert
war, ergab, dass diese nicht mehr vorhanden waren. Eine Ausnahme ist die große
Orgel im Dom zu Riga, die allerdings
erst 1884 erbaut wurde, als Eberhard-Friedrich nicht mehr aktiv war. Wir
nahmen damals beim ISO-KONGRESS in Riga die Gelegenheit wahr und vermassen das
Register. Es steht dort allerdings im Pedal, ist auf Manualteilung gebaut und
leider stillgelegt. Als Vorbild war es somit untauglich. Also ging die Suche
nach konkreten Anhaltspunkten weiter.
Im Herbst
2000 bekamen wir dankenswerter Weise von OBM Gerhard Walcker-Mayer
die Zeichnung einer Originalmensur einer Bassethornzunge zur Verfügung
gestellt. Die Zungen sind bei C vorne 19 mm breit, woraus sich ergabt, dass die
Anlage nicht auf Manualteilung gewesen sein konnte. Dadurch waren wir einen
wesentlichen Schritt weitergekommen. Folgende Abbildung zeigt die Mensur nach
dem Originalblatt von Walcker: (Zeichnung 6)

Ein noch
erhaltenes Beispiel für die Bauweise in Windladenbreite fanden wir bei der
ehemaligen Walcker-Orgel (Opus 24) von Schwäbisch Hall, St. Michaelskirche.
Dort handelt es sich um ein Pedalregister: Serpent 16'. Das Register wurde ca.
1950 zusammen mit zwei Physharmonikas aus der Orgel entfernt, aber aufbewahrt.
Dadurch sind alle drei Register heute noch erhalten, obwohl von der
Walcker-Orgel nur noch das Gehäuse und die 5 großen, foilierten
16'-Holz-Prospektpfeifen erhalten sind. Diese Register konnten wir zur
Maßaufnahme und Dokumentation in die Werkstatt holen. (Bilder 7)


Im
Gegensatz zum Bassethorn hat der Serpent keinen Schwellkasten. Er ist nur über
Windabschwächung schwellbar.
Als
dritter wesentlicher Hinweis kamen uns noch Aufzeichnungen aus dem Opusbuch
Walckers zu Hilfe. Dort sind z.T. neben den Dispositionen bei den
durchschlagenden Zungen kleine Freihandskizzen zu finden, die die prinzipielle
Anlage des Registers zeigen:

Diese
Skizze (08)
stammt aus der Disposition der Orgel für das Frauenmünster, Zürich, 1853, Opus
120. Man sieht einen Windkasten in dem auf einer “stehenden” Resonanzkehle eine
Zunge montiert ist. Das Auslassventil ist oben über eine Wippe an ein
Einschaltärmchen geführt, das auch ein Mitnehmerklötzchen zeigt. Neben der
Skizze steht: "12. Bassethorn 8 mit schmalen Zungen wie Physh. zum
Schwellen ins Regierwerk angehängt." Es handelt sich bei dieser Anlage
also nicht um ein Register, das über die gesamte Orgelbreite geht, sondern um
ein schmales Arrangement, wie bei einer Physharmonika.
Die
leider sehr undeutliche Skizze (09) bei der Disposition von Opus 159, Ludwigsburg,
Stadtkirche Bj. 1858 ist für die Anlage Göppingen sehr viel passender. Nach
diesem Vorbild wurde die Rekonstruktion durchgeführt.

Auf
dieser Abbildung sieht man zwei Skizzen: Die obere ist quasi das Detail. Oben
liegt ein Ventil, das auch als solches beschriftet ist. Darunter sieht man
einen oben teilweise zugespundeten Kanzellenrahmen. Unten dann "auf dem
Kopf" die Zunge mit der Stimmkrücke nach rechts. Darunter, noch kleiner,
die Übersichtsskizze. Im Prinzip ist es das dasselbe. Man sieht aber noch eine
Wippe an dem Ventil und einen Schwellkasten oben aufgesetzt. Daneben steht:
"6 Baßethorn 8 zum Schwellen eingerichtet".
Die
nächste Abbildung zeigt einen Längsschnitt durch den Serpent 16' von Schwäbisch
Hall (C-Seite, Länge 247cm) : (Zeichnung10)

Dieses
Register, entsprechend in 8'-Lage verkleinert, passt in Göppingen, wie auf
nachfolgender Schnittzeichnung (11) zu sehen ist:
Der rundliche Ausschnitt in den
Windladenlagern, der dem Bewegungsradius des Schwelldeckels entspricht, ist
historisch. Dies bestätigte unsere Vermutung, dass das Register zusätzlich zu
der Windabschwächung auch noch einen Schwellkasten besaß.
Konstruktion:
Die
Abmessungen des Serpentstimmstockes wurden ab dem Ton c 0 übernommen und im
Diskant (nach d1) strahlenförmig verjüngend weitergeführt bis f3. Die einzelnen
Töne wurden auf die Teilung der Göppinger Orgel zurechtgerückt.
Ausführungsdetails, Holzart und Verarbeitungsweise wurden genau übernommen.
Bei dem
Stimmstock (Bild12)
handelt es sich um einen
Kanzellenrahmen, der im Prinzip die Form eines Xylophonresonanzkastens hat,
also in zwei Richtungen konisch verläuft. Auf diesen Stimmstock werden die
Stimmplatten, also die Zungenrahmen geschraubt (Bild13). Auf die gegenüberliegende Seite
kommen die Auslassventile (Bild 14). Die Kanzellen sind auf der Ventilseite im Bass etwa zu
2/3 zugespundet. Sie weiten sich sukzessive und sind im Diskant ganz offen. Auf
die Seite mit den Zungen wird der Windkasten geleimt. Die Zungen liegen“ also
immer im Wind wie bei einem Druckluft-Harmonium. Auf die Ventilseite des
Stimmstockes wird der Schwellkasten aufgebaut. (Zeichnung 15 Schnitt
Bassethorn)
Abb.:
Schnitt durch das Bassethorn
Die
Zungen (Bild 17, 18,19):


Wir
ließen uns die Stimmplatten und die Zungen bei einer mechanischen Werkstätte
mit CNC-gesteuerten Maschinen herstellen. So konnten wir bei uns im Betrieb
jede einzelne Zunge und jeden Rahmen mittels einer halbautomatischen
CAD-Anwendung zeichnen, und der Mechaniker konnte das in seine Maschine
übernehmen (Zeichnung 16). Die Stimmplatten wurden aus gewalzten Messingstäben MS58
herausgefräst, die Zungen aus weichem MS63. Das Zungenmaterial muss weich sein,
da man die meiste Intonationsarbeit mit der Feile machen muss.
Die
Zungen wurden aus 1,5 –1 mm starkem Rohmaterial hergestellt. Im Befestigungsbereich,
hinter dem Stimmbereich, behalten sie ihre Rohstärke. Dadurch hat man eine
genügende Materialstärke, um sie mit Schrauben bzw. Zylinderstiften zu
fixieren. Wir entschieden uns für nur eine Schraube und dafür zwei Stifte, um
bei der Intonation die Zunge schneller aus- und einbauen zu können. Da früher
alles von Hand gefeilt wurde und die Maße von einem Diagramm abgenommen wurden,
sind alle Töne in allen Maßen unterschiedlich. Es gibt also keine Gruppen wie
etwa gleiche Stimmplattenbreiten von C-F oder immer sechs gleiche
Stimmschieber.
Intonation:
Die
Göppinger Orgel hat einen Winddruck von 72 mm WS. Das ist völlig ausreichend.
Die Zungen scheinen mit weniger Wind eher schneller anzusprechen. Zunächst
mussten wir einige Stimmplatten abrichten, da sich beim Abfräsen der Walzhaut
die Werkstücke verzogen hatten. Die Zungenblätter hatten wir 1/100 mm kleiner
fräsen lassen als den Schlitz in der Stimmplatte. Ausgehend von diesem Maß, das
sehr, sehr knapp ist, passten wir die Zungen von Hand ein. Durch das Anzupfen
der Zunge kann man das freie Durchschwingen akkustisch, durch Hinterleuchten
mittels einer Kaltlichtleuchte, auf die man die montierten Einheiten legt,
optisch kontrollieren. Das Spazium wurde bei diesem Arbeitsgang so klein wie
möglich gehalten. Nachdem alle Stimmplatten mit ihren Zungen in die Windlade
eingebaut waren, wurden die Stimmschieber montiert. Dabei war darauf zu achten,
dass genügend Druck auf das Zungenblatt kommt, da sonst Nebengeräusche
entstehen.
Die
Notwendigkeit von Stimmvorrichtungen bei der Verwendung von Harmoniumregistern
in Pfeifenorgeln ist eine der größten Schwierigkeiten bei der Herstellung und
Intonation dieser Register. Töne, die bei einem Testlauf ohne Stimmvorrichtung
ohne Probleme ansprechen, können einen, bis sie auf der richtigen Tonhöhe
klingen, noch lange beschäftigen. Wir hatten uns bei unserem Bassethorn
natürlich an die historische Mensur zu halten und konnten also nur mit der
Zungenstärke jonglieren, nicht mit Länge oder Breite.
Die
zentrale Herausforderung bei der Intonation eines Registers mit
durchschlagenden Zungen, besonders bei Harmoniumbauweisen (ohne Stiefel und
Resonatoren) ist das Erreichen einer hinreichend schnellen Ansprache. Zunächst
muss die Zunge deutlich sichtbar aufgeworfen werden. Ist sie zu flach oder
liegt gerade in der Stimmplatte, so kommt sie zu spät oder spricht gar nicht
an. Ist der Aufwurf zu hoch, wird der Ton leiser oder spricht ebenfalls nicht
an. Auch ein zu weites Spazium führt zu später Ansprache und leisem Klang. Ganz
entscheidend für die Klangfarbe ist die Stärke der Zunge. Eine dickere Zunge
erzeugt einen dunklen, warmen und runden Ton. Problematisch wird jedoch mit
zunehmender Zungenstärke die Ansprache und Stärke des Tones. Je dünner die
Zunge, desto schneller spricht sie an und ihre Amplitude wird größer. Der Klang
wird dabei heller, im Extrem etwas blechern.
Um die
Zunge auf die richtige Tonhöhe zu bekommen, muss sie an einem Ende abgefeilt
werden. Soll sie höher werden, so wird sie vorne, an dem einschlagenden Ende
dünner gefeilt. Soll der Ton tiefer werden, wird sie an dem festgesetzten Ende,
also hinten dünner gefeilt. Es ist zu beachten, dass der Ton sehr viel
schneller tiefer als höher wird. Feilt man also eine Zunge im Interesse einer
schnellen Ansprache insgesamt dünner, so kann es passieren, dass der Ton danach
mehrere Ganztöne zu tief steht. Um danach wieder auf die korrekte Tonhöhe zu
kommen, mussten wir im Diskant einzelne Zungen auf Stärken von wenigen
hundertstel Millimetern ausdünnen.
Kanzellengröße
und Ventilöffnung des Stimmstockes spielen ebenfalls eine wesentliche Rolle für
die Lautstärke, Klangfarbe und Ansprache der Zunge. Wir richteten uns im
wesentlichen nach den Maßen des Serpent aus Schwäbisch Hall. Im Vorfeld hatten
wir jedoch mehrere Harmoniums und Physharmonikas zerlegt und vermessen, um
hinter die Geheimnisse der Mensurierung zu kommen. Auch mit einer
Experimentierlade hatten wir ausgedehnte Versuche gemacht.
Die
Lautstärken- und Klangregulierung, die E.F. Walcker in seinem Angebot von 1825
für die Franfurter Paulskirche enthusiastisch als erregende Schwellfähigkeit
im Crescendo und Decrecendo“ beschreibt,richteten wir nach einer weiteren
Skizze aus seinem Opusbuch (Männedorf, Schweiz Opus 194) ein. An das Gestänge,
das den Windschieber betätigt, ist zusätzlich auch der Deckel des
Schwellkastens, angeschlossen, so dass immer beide Komponenten gleichzeitig
bewegt werden (Bilder 20,21). Am Spieltisch brachten wir über der Pedalklaviatur ein
Tritt an, der genau in eine historisch vorhandene Trakturlücke passt. Er kann
hochgeklappt werden, damit er bei Nichtbenutzung das Pedalspiel nicht stört
(Vorbild Hoffenheim, E.F.Walcker 1845) (Bilder 22,23). Der Mechanismus ist so
eingerichtet, dass zuerst Schwelldeckel und Windkanal parallel geschlossen
werden. Ist der Deckel geschlossen, steht noch genug Wind zum Pianospiel zur
Verfügung. Dieser Wind kann dann noch über pianissimo bis auf Null abgestellt
werden. Im größten Bereich dieser Windabschwächung ist die Stimmung konstant.
Erst kurz vor dem Absterben“ haut sie ab. Bemerkenswert ist, dass die Töne
dann höher werden.
Die
Schwellwirkung ist phantastisch und allein schon ein Grund, warum solche
Register ab und zu wieder gebaut werden sollten. Es findet nicht nur eine
Lautstärkenmodulation statt wie bei einem Schwellwerk, sondern dazu noch eine
Obertonmodulation. Durch die große Mensur klingt das Bassethorn im Forte
weitaus kräftiger und grundtöniger als eine Physharmonika und macht somit
seinem Namen alle Ehre. Das Instrument in Göppingen hat durch die Zungenstimme
im zweiten Manual eine neue Dimension erhalten. Nicht nur durch das Hinzukommen
des Bassethorns als zauberhafte Solostimme, sondern auch, weil die übrigen
Register des zweiten Manuals jetzt solistisch in vielfältigen Kombinationen
damit kraftvoll eingesetzt werden können und so auch die reichlich vorhandenen
Begleitstimmen im ersten Manual ihre richtige Bedeutung bekommen.